Verlustaversion

Verlustaversion

Einleitung

Verlustaversion ist eine mentale Verzerrung und Bestandteil der Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979). Sie beschreibt die Neigung der Menschen, lieber einen Verlust zu vermeiden, als einen Gewinn zu erzielen. Der Grund dafür ist, dass die durch einen Verlust erzeugten negativen Emotionen deutlich intensiver erlebt werden, als die Freude über einen Gewinn und zwar in etwa in doppelt so hohem Ausmaß (Mallouk, 2019*; Jason Zweig in Graham, 2016*).

Verlustaversion ist vermutlich auch der Grund, warum so viele Privatanleger auf sehr viel Barvermögen sitzen, obwohl das Kapital inflationsbedingt nach und nach an Kaufkraft verliert. Während die Aktienmärkte langfristig Gewinne erzielen, haben die meisten Börsenmuffel vor allem die großen Crashs der Vergangenheit im Kopf und vermeiden es daher aufgrund dieses drohenden Verlustes, Geld an der Börse zu investieren. So verzichten vor allem Langzeitinvestoren oftmals auf die Möglichkeit, attraktive Renditen zu erzielen.

Gewinn- und Verlustsensitivität

Üblicherweise bewerten wir unsere Investitionen und unsere Gewinne und Verluste anhand von Referenzpunkten. Im Fall von Aktien oder ETFs wären dies die Kaufpreise zum Zeitpunkt des Kaufs.

Kahneman hat im Kontext der Verlustaversion die abnehmende Gewinnsensitivität und die abnehmende Verlustsensitivität festgestellt. Das bedeutet, dass mit steigender Gewinn-, als auch Verlusthöhe der Effekt abflacht. Je höher der Gewinn ist, umso weniger wird das Belohnungszentrum im frontalen Kortex aktiviert. Beim Verlust ist es ähnlich – es schmerzt uns deutlich mehr 100 Euro statt nichts zu verlieren, als 2000 Euro statt 1900 Euro.

Dieser Umstand bietet eine Erklärung dafür, warum man im Gewinnbereich risikoscheu handelt und im Verlustbereich risikofreudig. Eine Aktie wird nach einer Kurssteigerung mit deutlich weniger Gewinn verkauft, als eine Aktie nach einem Kursabfall. Letztere wird tendenziell länger gehalten und erst mit größerem Verlust verkauft. Dieses Verhalten wird auch als Dispositionseffekt bezeichnet.

Für den richtigen Umgang mit dem Dispositionseffekt haben Value-Investoren den richtigen Tipp parat. Sie kaufen eine Aktie nur zu einem Kurs unter ihrem Fundamentalwert, da dann die Chance höher ist, dass der Kurs steigen wird. Verkauft wird hingegen, wenn der umgekehrte Fall eintritt – wenn der Kurs höher ist, als der Fundamentalwert, denn dann ist wiederum die Chance auf einen fallenden Kurs in der Zukunft wahrscheinlicher.

Verlustaversion im Kontext der Anlagestrategie

Verlustaversion für Aktieninvestoren ist je nach Anlagestrategie rational oder irrational. Einerseits kann es Sinn haben, Aktien nach einem Kursrutsch zu halten, da sich diese in der Regel wieder erholen. So würde man in der Regel etwa bei einer Buy-and-Hold-Strategie mit einem breit diversifizierten Portfolio vorgehen. Wer sich hier von Emotionen leiten lässt und frühzeitig seine Investitionen verkauft, würde irrational handeln, Verluste realisieren und langfristig auf Renditen verzichten.

Wer hingegen auf Einzelaktien setzt, für den könnte es in bestimmten Situationen sinnvoll sein, Aktien im Falle eines Kursabfalls frühzeitig zu verkaufen, um den Schaden eines Verlusts möglichst gering zu halten. Vor allem, wenn Unternehmen pleitegehen und das Festhalten an den Aktien für die Aktionäre des Unternehmens einen Totalverlust bedeuten würde. Im Kontrast zur weiter oben beschriebenen Situation wäre es hier irrational, an den Titeln festzuhalten. Auf die Probleme, die damit verbunden sind, ein pleitegehendes Unternehmen rechtzeitig als solches zu erkennen, soll hier nicht näher eingegangen werden.

Welche der beiden genannten Beispiele und Strategie einfacher und sinnvoller in verschiedenen Situationen zu handhaben sind, darüber muss sich jeder Investor selbst seine Gedanken machen. Für beide dargestellten Szenarien kann jedoch festgehalten werden, dass es wichtig ist, die eigene Strategie zu kennen und Entscheidungen rational und wohlüberlegt und nicht aus dem Bauch heraus oder von Emotionen geleitet zu entscheiden.

Ich persönlich halte eine Buy-and-Hold-Strategie mit einem breit diversifizierten Portfolio im Hinblick auf den richtigen Umgang mit Verlustaversion für sinnvoller, da grundsätzlicher weniger Situationen und Szenarien auftreten, in denen man einer Anfälligkeit für Verlustaversion ausgesetzt ist. Daher beziehen sich die nachfolgenden fünf Tipps zum richtigen Umgang mit Verlustaversion eher auf eine Strategie, die ein entsprechendes Buy-and-Hold-Konzept verfolgt.

Fünf Tipps zum Umgang mit Verlustaversion

Berücksichtigt man die oben erläuterten Ausführungen und Erkenntnisse könnte man folgende Tipps zum Umgang mit Verlustaversion ableiten.

1. Information und Bildung

Zunächst ist es wichtig, über das Phänomen der Verlustaversion informiert zu sein und es zu verstehen. Verhaltensökonomie bzw. Behavioral Finance sind wesentliche Bestandteile finanzieller Bildung. Allgemein hat sich gezeigt, dass Verlustaversion mit steigendem Bildungsgrad abnimmt. Mit höherem Einkommen und auch höherem Alter nimmt sie zu (Gächter, Johnson & Herrmann, 2010). Letzteres liegt bei Langzeitinvestoren auf der Hand, reduziert ein höheres Lebensalter naturgemäß den Anlagehorizont und somit die persönliche Risikotragfähigkeit.

2. Ermittlung der persönlichen Risikotragfähigkeit

Am Anfang jeder Investition sollte immer die Bestimmung der individuellen Risikotragfähigkeit stehen. Wer vorhat, an der Börse zu investieren, der sollte über das investierte Kapital mindestens 10, besser 15 Jahre verzichten können, um etwaige Buchverluste aussitzen zu können ohne sie realisieren zu müssen. Wer keinen entsprechend langen Anlagehorizont für sein Kapital zu Verfügung hat, sollte eher auf risikoarme Geldanlagemöglichkeiten wie Tages- oder Festgeldkonten oder risikoarme Anleihenprodukte zurückgreifen oder einen höheren risikoarmen Portfolioanteil wählen.

3. Diversifikation

Mit einem breit gestreuten Portfolio sinkt die Wahrscheinlichkeit für Totalverluste im Vergleich zu Investitionen in Einzelaktien. Diversifikation ist der einzige „Free Lunch“ bei der Geldanlage. Sie senkt das Einzelwert- und Branchenrisiko und schmälert die Rendite nicht (vgl. Kommer, 2016*).

4. Nicht zu oft ins Depot sehen

Wer kurzfristige Schwankungen finanziell gut vertragen kann, hat auch nichts davon, ständig den Depotstand zu überprüfen. Je öfter dies erfolgt, umso öfter ist man mit Verlusten konfrontiert und somit anfälliger für Verlustaversion. Wer seine Risikotragfähigkeit richtig ermittelt hat, hat somit keinen Grund, sich dieser Anfälligkeit übermäßig auszusetzen und ist vermutlich gut beraten, auf häufige Depotüberprüfungen zu verzichten. Ein Rebalancing ein- bis zweimal im Jahr sollte bei einem gut diversifizierten Portfolio in den meisten Fällen ausreichen.

5. Den Vorteil von Sparplänen nutzen

Sparpläne bieten einen Vorteil im Zusammenhang mit der Verlustaversion. Einmalinvestitionen erbringen zwar in den meisten Fällen über einen entsprechend langen Zeitraum in der Regel höhere Renditen. Wer jedoch einen Gesamtbetrag auf einmal investiert, erzeugt einen klaren Referenzpunkt. Somit ist man bei Einmalkäufen eher mit sichtbaren Verlusten konfrontiert und somit anfälliger für Verlustaversion. Wer regelmäßig per Sparplan in ein breit gestreutes Portfolio investiert (am einfachsten über ETFs zu bewerkstelligen), der „kaschiert“ somit Verluste, da regelmäßig zu unterschiedlichen Kursen nachgekauft wird und daher kein eindeutiger Referenzpunkt festgemacht werden kann.

Literaturverzeichnis

Gächter, S., Johnson, E. J. & Herrmann, A. (2010). Individual-level loss aversion in riskless and risky choices. Discussion Paper No. 2010-20. Centre for Decision Research & Experimental Economics.

Graham, B. (2016). Intelligent Investieren. Das Standardwerk des Value Investing. München: FinanzBuch Verlag.*

Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. In: Econometrica. Band 47, 1979, S. 263–292.

Kommer, G. (2016). Souverän Investieren mit Indexfonds & ETFs. Wie Privatanleger das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen. Frankfurt: Campus Verlag.*

Mallouk, Peter (2019). 5 einfache Schritte zur optimalen Geldanlage. München: FinanzBuch Verlag.*

Buchempfehlungen

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Benjamin Graham ist der Urvater des Value-Investings und Lehrer von Warren Buffett. Sein Bestseller ist das Standardwerk für Value Investoren und beinhaltet ein Vorwort von Warren Buffett und Kommentaren von Jason Zweig zu den einzelnen Kapiteln. Die Erstauflage des Buchs erschien 1949, seine Investmentphilosophie ist hingegen zeitlos.

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Von |2020-07-27T20:49:26+02:0018. Juli 2020|Finanzielle Bildung|0 Kommentare

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